Die Uni als Fabrik der Prekarität!
09/03/2011 at 20:57 1 Kommentar
Die Uni als Fabrik der Prekarität!
Ein kritisch-solidarischer Bericht zu einem Vernetzungstreffen von Kämpfen gegen Sparpolitiken („Austerity“) an Universitäten
Im Dezember 2010 riefen das Edu-Factory Kollektiv und andere AktivistInnen aus Unikontexten unter dem Titel “For a New Europe: University Struggles Against Austerity” zu einem europäischen Meeting zur Vernetzung und Koordinierung ihrer Aktionen. Über 90 Kollektive von Studierenden, AktivistInnen, prekarisierten ArbeiterInnen unterstützten den Aufruf. Nach Paris/Saint Denis (F) kamen daraufhin vom 11.-13. Feb. 2011 mindestens 300 AktivistInnen; der Großteil davon aus dem s.g. West- und Mitteleuropa (v.a. GB, I), aber auch aus Russland, Kanada, Japan, Chile etc.. KollegInnen aus Tunesien und Gambia wurden vom französischen Staat an der Anreise gehindert.
„Euro“ vs. „Trans“
Dennoch schafften es mindestens zwei AktivistInnen aus Tunesien zum Meeting und erzählten von der tunesischen Revolution, die – wie sie betonten – jetzt in Nachbarschaftskomittes und verschiedenen selbstorganisierten Experimenten erst so richtig begonnen hätte. Betont wurden auch Gemeinsamkeiten der Kämpfe in Nordafrika mit jenen gegen die Prekarisierung in Europa. Als dann das Angebot von den KollegInnen kam, ein nächstes Treffen in Tunesien zu organisieren, gab es Standing Ovations. Lauten Jubel gab es auch, als gleich am ersten Tag des Treffens bekannt wurde, dass Mubarak in Ägypten endlich zum Rücktritt gezwungen worden war.
Aber nicht nur wegen dieser tagespolitischen Ereignisse war Transnationalismus ein durchgängiges Thema. Ein Organisator etwa meinte, nationalstaatliche Grenzen seien nicht mehr die „Orte der Transformation“, eine transnationale Politik sei daher notwendig. Und dass etwa der Bologna-Prozess nicht „europäisch“ ist, sondern sein Unwesen auch in Südamerika und Afrika treibt, stand während des gesamten Meetings außer Frage.
Allerdings wollte sich genauere begriffliche Schärfe dahingehend, wer sich hier eigentlich in welcher Form wofür organisieren will, nicht einstellen und findet sich auch in der s.g. „Gemeinsamen Erklärung“ zum Meeting nicht. Dort ist schließlich von einem „transnationalen Netzwerk“ „für ein neues Europa“ die Rede. Ob dieser Fokus auf Europa bei der Notwendigkeit transnationaler Kämpfe weiterhin sinnvoll ist, wurde zwar von Seiten des Publikums problematisiert, blieb aber weitgehend undiskutiert.
Dieser Umstand war nicht zuletzt dem Wunsch der OrganisatorInnen geschuldet, das Treffen praxisorientiert zu halten. Die Diskussion theoretischer Fragen wurde als potenziell „die-Bewegung-spaltend“ eingestuft und von der Moderation tendenziell abgewürgt. Dass die Diskussion theoretischer Fragen auch einigend und kollektivierend sein kann und gemeinsame politische Aktivität auf eine solidere argumentative Basis stellen kann, wurde weitgehend ignoriert. Eine Diskussion von Begrifflichkeiten etwa, mit denen man operiert kann und darf schon deshalb nicht gemieden werden, weil Begrifflichkeiten (fast) immer auch politische Strategien implizieren. Dieses Vermeiden von Theorie war auch deshalb erstaunlich (und bedauerlich), weil gerade das Edu-Factory Kollektiv in den letzten Jahren wertvolle Beiträge zur theoretischen Debatte rund um (Arbeits-)Kämpfe an Universitäten geleistet hat. So weit, so ambivalent!
Die Leitfrage des Treffens jedenfalls war: (Wie) können wir ein Netzwerk für einen kollektiven Kampf gegen die Sparpolitik an Universitäten aufbauen? Die Ziele des Treffens wurden dementsprechend so formuliert:
1. Verstärkung der Verbindungen zwischen den anwesenden Gruppen
2. Kollaboration in gemeinsamen Kämpfen
3. Formalisierung des bestehenden Netzwerks
4. Vorantreiben politischer Organisierung
Gemessen an diesen formulierten Ansprüchen war das Meeting großteils erfolgreich: Es gab genügend Raum und Zeit für die Verstärkung von Netzwerken in informellen Gesprächen, es wurden gemeinsame Days of Action vereinbart und das Netzwerk wurde als „Knowledge Liberation Front (KLF) “ formalisiert. So weit, so gut. Ob die reine Formalisierung des Netzwerks allerdings schon dazu beiträgt, politische Organisierung in einer Form voranzutreiben, die Hierarchien vermeidet ist zu bezweifeln. Und zwar paradoxerweise gerade dann, wenn man das, was man an Edu-Factory bisher gemocht hat – nämlich die theoretische Arbeit, die das Kollektiv geleistet hat – ernst nimmt.
Organized Networks
In dem Text von Edu-Factory in ihrem Buch „Toward a Global Autonomous University“ wird die Netzwerk und seine Tendenz, informelle Hierarchien zu erzeugen, gleich zu Beginn kritisch diskutiert: „Unsere Erfahrung über die letzten Jahre hat uns gelehrt, dem Glauben in die vorgeblich spontanen und horizontalen Mechanismen, die das Netzwerk angeblich implizieren zu misstrauen. Wir haben gelernt, dass das Netzwerk – ganz im Gegenteil – eine hierarchische Struktur ist und dass Horizontalität in Machtbeziehungen immer auf dem Spiel steht. … Wir haben gelernt, dass die Netzwerk-Form organisiert werden muss – oder besser noch – dass wir uns innerhalb des Netzwerks organisieren müssen.“ Im Folgenden plädieren sie für „Organisierte Netzwerke“ (Rossiter 2006) und erklären, Edu-factory sei ein „Experiment…mit einem neuen Wegen, Netzwerke zu organisieren“ (Edu-Factory Collective 2009: 0f).
Bei aller Rücksicht auf die Schwierigkeit, Meetings in dieser Größe zu organisieren und sinnvoll zu strukturieren, waren sich viele der Teilnehmenden einig, dass die Organisation dem Anspruch von Horizontalität kaum gerecht wurde. Zwar mag der Anspruch ein solches Meeting könne neue Weg zur Horizontalisierung von Diskussionen hervorbringen zu hoch gegriffen sein. Zumindest wäre jedoch zu erwarten gewesen, dass etwa (gegenderte) RednerInnenlisten, begrenzte RednerInnenzeit, gemeinsame Beschlüsse für Tagesordnungen oder Transparenz in konkreten Beschlüssen – integraler Bestandteil des Organisation sein würden. Diese Strategien zur Horizontalisierung und Demokratisierung sind ja nicht erst seit der unibrennt-Bewegung bekannt.
Trotz Interventionen aus dem Publikum war es fast immer unmöglich, solche Strukturierungen durchzusetzen. Vielfach wurde das Rederecht jenen überlassen, die sich lautstark meldeten oder ihre Argumente lang ausführten. Im Abschlussplenum kam man nur noch zu Wort indem man sich das Wort durch lautes Schreien nahm und ex-post erschien eine „Gemeinsame Erklärung“ ohne dass man sich auf eine solche im Plenum geeinigt hätte – geschweige denn, einen Entwurf dafür zur Diskussion gebracht hätte.
Knowlegde is Power – Students are Workers
Ein weiterer – strategischer – Punkt, an dem das Edu-Factory Collective auf diesem Meeting über ihre eigenen Ansprüche gestolpert ist, beginnt bei einem zentralen Punkt ihrer Analyse, der da heißt: Studierende sind bereits Arbeitende, da ihre Tätigkeit in der wachsenden Bedeutsamkeit von Wissensökonomien unmittelbar produktiv ist. Und: Wissens-assoziierte (einschließlich studentische) Aktivität wird derzeit – vermittelt über staatliche Sparpolitiken und den Bologna-Prozess – Neo-Tayloristischen Prozessen (Management, Kontrolle) unterzogen. Und weiter: Wissensproduzierende ArbeiterInnen (Studierende/Forschende) erlangen dadurch andererseits auch potenziell mehr gesellschaftspolitische Macht. So weit, so zutreffend. Und so folgerichtig auch, dass man ein Panel zur Reflexion dieser Rolle als produktiver und weitgehend prekarisierter ArbeiterInnen ins Programm nimmt. Im Sinne einer solidarischen, arbeitskämpferischen Politik wäre allerdings auch folgerichtig gewesen, sich als Teil einer breiteren Bewegung gegen prekarisierte Arbeitsbedingungen zu definieren und nicht eine Sonderstellung Studierender zu reklamieren, indem man – wie von einem Organisator vorgebracht – ihre Position in der Gesellschaft als „most vulnerable“ beschreibt. Und ebenso folgerichtig für eine Politik der Verbindung von Kämpfen gegen Prekarität wäre gewesen, gemeinsame Forderungen im Sinne einer Commonfare z.B. bedingungsloses Grundeinkommen) als zentrale Forderung intensiver zu diskutieren. Letzteres war im Programm zwar vorgesehen, machte in der Folge des Panels dann aber – insbesondere britischen – Aktivisten Raum um die internationale Days of Action rund um den 25. März zu propagieren. In diesen Tagen jährt sich die Unterzeichnung des EWG-Vertrags im Rahmen der Römischen Verträge 1957, was als Anlass genommen wurde um in Großbritannien in diesem Jahr groß-angelegte Demonstrationen gegen Sparpolitiken zu machen. Warum gerade dieses Datum? Blieb eine undiskutierte Frage. Von OrganisatorInnen des Meetings jedenfalls wurden die Days of Action massiv unterstützt, während z.B. der Vorschlag, sich am 1. May mit anderen Prekarisierten auf MayDay-Paraden zu solidarisieren und den Tag der Arbeit damit auch für sich zu reklamieren weitgehend ignoriert wurde. Obwohl wiederholt von verschiedenen Seiten eingebracht, schaffte es der 1.Mai am Ende nicht mal in die „Gemeinsame Erklärung“.
Creative Strategies
Was man der Offenheit der Panels zugute halten kann ist der viele Raum um sich über kreative Aktionsideen auszutauschen. So wurden „peoples’ tribunals“ an öffentlichen Plätzen (ein Verfahren ohne RichterInnen/AnwältInnen zur Beweissicherung gegen UnternehmerInnen) vorgestellt, der Vorschlag vorgebracht regelmäßige Versammlungen im urbanen Raum zu machen, Book Blocs für Demonstrationen zu organisieren, eine Karawane nach Tunesien zur Vernetzung mit der fortlaufenden revolutionären Bewegung zu organisieren oder eine Landkarte für autonome Bildungsaktivitäten und -kämpfe zu erstellen. Bemerkenswert war, dass der Wunsch nach Aktionen gegen Institutionen des globalen Finanzkapitalismus groß war – etwa symbolische Besetzungen von Banken unter dem Titel „reclaim the right to bankruptcy“ oder die Idee, das Steuerparadies Monaco im Sommer 2011 zu besetzen und zu einem selbstbestimmten Ort der Bildung zu machen.
Conclusion
Ein Fazit zu diesem Treffen kann nur ambivalent sein. Jedes internationale Meeting führt zur Festigung von Netzwerken und gemessen an den am Meeting formulierten Ansprüchen wird es (vielleicht) im Rückblick kurzfristig erfolgreich gewesen sein. Gemessen an Ansprüchen möglichst horizontaler politischer Organisierung, die – gerade nach Lektüre von Edu-Factory Texten – Basis für längerfristige Verbindlichkeit und Voraussetzung für eine (Rück-)Eroberung der Commons ist, war das Meeting eine vergebene Chance. Bleibt zu hoffen, dass sich die – so hübsch klingende – Knowledge Liberation Front das Experiment mit der Horizontalität wieder aufnimmt. Andernfalls ist zu befürchten, dass sie den Schritt von einer weiteren unverbindlichen E-mail-Liste zum Organisierten Netzwerk nicht gehen wird.
In jedem Fall: „Spitzt Eure Bleistifte! Der Kampf geht weiter!“
Aufruf zu den Days of Action:
Call to Action! Common Knowledge Against Financial Capitalism
So we, Knowledge Liberation Front, call for common and transnational days of action on the 24th-25th-26th of March, 2011: against banks, debt system and austerity measures, for free education and free circulation of people and knowledge.
Make actions, make autonomy, make our university: make capitalism history!
Join the Knowledge Liberation Front: Fighting and cooperating, this is our Common!
http://www.edu-factory.org/wp/common-knowledge-against-financial-capitalism-24th-25th-26th-of-march-2011/
Dates to Keep in Mind 2011
24./25./26. März Common Days of Action
1. Mai Mayday (Treffpunkt in Wien: 14 Uhr, Wallensteinplatz)
5.-7. Juni G8 Gegengipfel, Dijon
Juni Folgemeeting in London
1. August Occupy Monaco (Yes, the whole country!)
Links und Weiterlesen: https://we.riseup.net/klf, http://www.edu-factory.org/wp/common-statement/#german, google-groups: MakeOurUniversity; list@makeouruniversity.org, Edu-Factory Collective. 2009. Toward a Global Autonomous University. Autonomedia/NY (http://www.edu-factory.org/edu15/images/stories/gu.pdf); Ned Rossiter. 2006. Organized Networks: Media Theory, Creative Labour, New Institutions. NAi Publishers; + watch out for the next Malmoe: „UN/UNANIMOUSLY COMMON. Ein Wochenend-Treffen nicht nur europäischer aktivistischer Wissensverarbeiter_innen in Paris“
*education is a right*all for all*they are the ones living above our means*knowledge without borders*we are your crisis*que se vayan todos*one world-one struggle*reappropriate our future *think global, act local*
von Lisa Sigl
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